Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns

Das Leben auf der Erde hat im Laufe der Jahrmilliarden bereits fünf große „exctinction events“ erlebt. Derzeit verdichten sich die Anzeichen auf ein sechstes solches Massensterben von Tier- und Pflanzenarten – jedoch lässt sich die Ursache in diesem Fall auf das Wirken einer einzelnen Spezies zurückführen: den Menschen. Angesichts dieses massiven Biodiversitätsverlustes auf der Erde werden traditionelle Schutzstrategien wie Habitatschutz und Ex-situ-Züchtung in Kombination mit Wiederansiedlungsprogrammen nicht ausreichen, um diesen Prozess zu stoppen oder gar zu verlangsamen. Neue, ergänzende Methoden und Strategien sind dringend erforderlich.

Derzeit sind 22% der Säugetiere vom Aussterben bedroht. Besonders betroffen ist die Familie Rhinocerotidae, von denen drei der fünf Arten als stark gefährdet eingestuft sind (Sumatra- und Java-Nashorn sowie Spitzmaulnashorn), eine als gefährdet (Panzernashorn) und nur eine, das Südliche Breitmaulnashorn (SWR, Ceratherium simum simum), als potenziell gefährdet eingestuft ist. Im Gegensatz dazu erklärte die IUCN 2008 offiziell das nördliche Pendant zum SWR, das Nördliche Breitmaulnashorn (NWR, Ceratotherium simum cottoni), als in freier Wildbahn ausgestorben. Der Tod des letzten männlichen NWR-Bullen Sudan am 19. März 2018 hat die breite Öffentlichkeit auf das Schicksal dieser Unterart aufmerksam gemacht und verdeutlicht auf dramatische Weise die Notwendigkeit alternativer Maßnahmen und Strategien zum Erhalt der Unterart.

Die langfristigen Folgen des Verlustes von Schlüsselarten wie dem NWR für das empfindliche Ökosystem Zentralafrikas sind nicht vollständig vorhersehbar. Die Ausrottung eines großen Weidetieres und eines wichtigen Landschaftsarchitekten wie des NWR wird jedoch in jedem Fall eine erhebliche Störung oder gar Zerstörung von Elementen des komplexen Ökosystems nach sich ziehen. Der Verlust einer Schlüsselspezies kann einen so genannten "Wirbeleffekt" auslösen. Der Begriff wurde von Bob Lacey (1993) geprägt und steht für den beschleunigten Verlust von Arten und ganzen Artengesellschaften, deren Lebensgeschichte direkt oder indirekt von Schlüsselarten abhängt, die kurz vor dem Aussterben stehen.

Im Jahr 2015 traf sich eine Gruppe von 20 internationalen Wissenschaftlern aus fünf Kontinenten in Wien, um eine neue strategische Roadmap zur Rettung des stark gefährdeten NWR zu entwickeln. Damals waren nur drei Individuen (1 Männchen, 2 Weibchen) dieser Unterart am Leben. Der neue Ansatz kombiniert fortschrittliche assistierte Reproduktionstechnologien (ART) und Stammzell-assoziierte Techniken (SCAT). Diese kombinierte dritte Strategie ermöglicht neben den beiden etablierten Hauptstrategien des Habitatschutzes und der klassischen Ex-situ-Schutzprogramme den Einsatz von Biomaterial lebender und verstorbener Individuen in Form von kryokonservierten Gameten sowie von Hautproben für Fibroblastenkulturen. Fibroblastenkulturen durch induzierte pluripotente Stammzelltransformation können anschließend für die in vitro-Produktion von künstlichen Keimzellen verwendet werden. Dieser dritte Weg des Artenschutzes wird nun im internationalen Projekt „BioRescue“ maßgeblich entwickelt sowie weiterentwickelt und umgehend in die Tat umgesetzt.

Das NWR ist das ideale Vorbild für diesen innovativen Ansatz, da es kryokonserviertes Biomaterial von verstorbenen Individuen gibt. Es gibt 12 NWR-Fibroblastenzelllinien, die acht vermutlich nicht verwandte Tiere repräsentieren, sowie ca. 300 ml kryokonserviertes Sperma von vier verschiedenen NWR-Bullen. Dieses wertvolle Biomaterial bildet zusammen mit den beiden lebenden NWR-Weibchen Najin und Fatu als potenzielle Eizellspenderinnen die Säulen der neuen Strategie. Die Herstellung gesunder Embryonen aus natürlichen Keimzellen (ART) und aus künstlichen Keimzellen aus der Zellkultur (SCAT) ermöglicht die Erhaltung des NWR-Genoms und den anschließenden Embryotransfer in Leihmütter (südliche Breitmaulnashörner).

Die Arbeitspakete des Projekts konzentrieren sich auf die Entwicklung geeigneter Technologien und Protokolle zur Rettung der NWR und bieten die Möglichkeit, eine selbsttragende, genetisch gesunde NWR-Population aufzubauen, die in die Wildnis zurückgebracht werden kann. Zusätzlich zu den beiden Ansätzen zur Herstellung von Embryonen ist eine ethische Risikoanalyse als eigenes Arbeitspaket Teil des Projekts. Werden durch innovative Forschung die Grenzen des Möglichen im Artenschutz verschoben, entstehen auf der einen Seite neue, bislang nicht ausreichend evaluierte Risiken und auf der anderen Seite ethische Fragestellungen, die das Wohl von einzelnen Individuen, den Gedeih einer ganzen Unterart sowie komplexe sozial-ökologische Fragen zusammenführen. Diese neuen Risiken und ethischen Fragen werden im Projekt „BioRescue“ systematisch analysiert und diskutiert, in den Diskurs werden dabei auch relevante Stakeholder sowie die interessierte Öffentlichkeit eingebunden.